Argumente zum Umgang mit Präsenzmeetings in Zeiten von Corona

Am 23. Juni habe ich zu einem Austausch mit Kolleg_innen über Präsenzmeetings in Zeiten von Corona getwittert. Hier geht es zum Thread:

Der Thread findet nach wie vor viel Resonanz — meine Zusammenfassung der Twitter-Diskussion, die er ausgelöst hat, findet sich hier (berücksichtigt sind die Tweets, die innerhalb der ersten Woche nach Posten des obigen Threads eingegangen sind):

Die Argumente, die für eine Priorisierung von Online- bzw. Hybrid-Meetings gegenüber Präsenzmeetings sprechen, habe ich hier einmal ausführlicher aufgeschrieben. (Wer möchte, darf den Text gern verwenden.)

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Viele sehen sich aktuell einem sozialen Druck ausgesetzt, an Präsenzmeetings teilzunehmen. Auch wird von denen, die sich gegen eine Teilnahme an Präsenztreffen aussprechen, mitunter eine Begründung oder Rechtfertigung erwartet. Eine Handhabung von Präsenzmeetings, die in dieser Weise Druck auf die Beteiligten erzeugt, erscheint aus mehreren Gründen als problematisch:

1) Mitglieder von Risikogruppen (oder deren Angehörige) gibt es in allen Status- und Altersgruppen. Wir sollten nicht von anderen verlangen, ihre Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe offenzulegen, um sich für ihre Nicht-Teilnahme an Präsenztreffen zu rechtfertigen. Der Gesundheitszustand unserer Mitmenschen unterliegt dem Schutz der Persönlichkeitsrechte, der uns aus juristischer ebenso wie aus philosophischer Perspektive als geboten erscheinen sollte. Für Personen mit erhöhtem Schutzbedürfnis ist es unzumutbar, dieses Schutzbedürfnis offenlegen zu müssen.

2) Bedenken bzgl. Präsenztreffen betreffen nicht nur die eigene Gesundheit bzw. die Angehöriger, sondern auch die Gefährdung Dritter: Wer nicht Nein sagt, fühlt sich mitverantwortlich für das Zustandekommen des Präsenztreffens und die damit verbundenen Risiken für alle Teilnehmenden. Die Risikoeinschätzungen mögen dieser Tage stark divergieren — aus unserer gegenwärtigen epistemischen Perspektive heraus lässt sich allerdings nicht genau sagen, welche Einschätzungen sich letztlich als angemessen erweisen werden. Deshalb sollten wir auch die Risikoeinschätzungen anderer ernst nehmen, selbst, wenn sie nicht mit den unsrigen übereinstimmen.

3) Obgleich für Präsenzmeetings vielfach Hygienekonzepte gelten, folgt daraus nicht zwingend, dass Teilnehmende verlässlich mit deren Einhaltung rechnen können: Abstands- und Maskenregeln werden in Präsenzformaten nicht immer befolgt. Auch hier gilt: Personen, die ein erhöhtes Schutzbedürfnis haben, ist es nicht zumutbar, im Rahmen von Präsenzmeetings eine Befolgung von Regeln zugunsten des Gesundheitschutzes einfordern zu müssen.

4) Im öffentlichen Raum (insbesondere in öffentlichen Verkehrsmitteln) werden Abstands- und Maskenregeln zudem kaum noch eingehalten. Bei der Planung von Präsenzmeetings ist zu berücksichtigen, dass einige der Teilnehmenden mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen müssen. Auch das Risiko einer Ansteckung auf dem Weg zu diesen Veranstaltungen sollte im Blick behalten werden, wenn Präsenzmeetings geplant werden.

5) Hierarchiekonstellationen spielen eine Rolle, wenn es darum geht, zu Präsenzmeetings Stellung zu nehmen: Für Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen und auf prekären Stellen kann die Hürde, um Online-Ersatz für Präsenztreffen zu bitten, höher sein.

6) Einige Kolleg_innen leisten aktuell (zusätzliche) Care-Arbeit. Für diese Kolleg_innen ist eine Teilnahme an Präsenzmeetings auch unabhängig von Fragen des Gesundheitsschutzes ggf. nur schwer einzurichten. Auch dies sollte bei der Planung von Präsenzmeetings berücksichtigt werden.

Vor diesem Hintergrund legt sich der folgende Umgang mit Präsenzmeetings nahe: Wann immer möglich, werden Meetings online oder als hybride Meetings mit einer Option zur Online-Teilnahme geplant. Wer in Präsenz tagen möchte, bittet um die Zustimmung der Beteiligten, statt Präsenz zu setzen und die, die das (aus welchen Gründen auch immer) nicht wollen, in eine Situation zu bringen, in der sie widersprechen müssen. (Eine solche Zustimmungslösung kann je nach Teilnehmendenzahl aufwändig sein; alternativ wäre folgende Lösung denkbar: Personen, die ein Präsenztreffen abhalten wollen, schaffen die Voraussetzungen für eine Online-Teilnahme an diesem Treffen. Sie weisen in der Einladung zum Treffen zudem explizit darauf hin, dass jede/r sich ohne Angabe von Gründen für eine Online-Teilnahme entscheiden kann.)